• Von Port Hardy geht es zum Smith Inlet. Zeitweise ist die Sicht gleich Null.

    Blindflug
  • Das Rauschen des Regens hat für kurze Zeit aufgehört, fast lautlos gleitet der Aluminiumrumpf unseres Bootes durch die Stille.

    Regenpause
  • Wir sehen ein bisschen blauen Himmel am Horizont und genießen die Stille auf der Terrasse unserer Lodge.

    Lichtblick

Douglaskiefern und Sitka-Fichten bewalden die Bergkämme und Ufer am Smith Inlet, wo wir dem Boot zu den Bären fahren wollen. Das schwimmende Hotel wird von der Australierin Marg Leehane und ihrem kanadischen Mann Tom Rivest, einem Grizzly-Experten und Umweltschützer gemeinsam geführt.

Anreise

Unser Wasserflugzeug (DHC-2 Beaver) liegt schon am Dock und nachdem unser RV am Seitenstreifen fachmännisch geparkt ist, treffen wir dort Owen aus Australien, Cornelia & Dieter – ebenfalls aus Deutschland. Die Plätze werden zugewiesen und wir krabbeln über die Schwimmer ein paar kleine Sprossen hinauf in den den Flieger. Origami kommt dem gekonnten einfalten auf die Sitze wohl näher als „bequemes Einsteigen“. Nach einem der kürzesten Sicherheitsbriefings der Luftfahrtgeschichte (Das ist Eure Weste und hier geht die Tür auf), zieht uns schon der 450PS starke Pratt & Whitney R-985SB3 (luftgekühlter Neunzylinder-Sternmotor) in den wolkenverhangenen Himmel über Port Hardy.
Im Tiefflug geht es mit 204 Km/h über den nördlichen Teil der Johnstone Strait und wir sehen die Baumwipfel recht nahe unter uns vorbeiziehen, als wir das Festland erreichen. Aufgrund des schlechten Wetters müssen wir einen Umweg machen, weil wir auf Sicht(!) fliegen und die Berge meiden. Es fängt zu regnen an und wir hängen bald tief in den Wolken. Waren da nicht Berge irgendwo?

Ein Blick auf unseren Piloten entspannt die Situation überhaupt nicht: Als Navigationsgerät mit GPS klemmt ein iPhone über dem Steuerknüppel.

Darauf befindet sich eine orangene Linie, die wir zwar genau verfolgen, aber das mulmige Gefühl bleibt. Es wird auch nicht besser als es dann wie aus Kübeln schüttet. Die Sicht war ohnehin schon schlecht und jetzt ist sie gleich Null.
Ab und an reißen die Wolkenfetzen auf und für ein paar Sekunden sehen wir mit Schrecken, dass wir an Berghängen vorbeifliegen deren Spitze wir nicht sehen können. Wir fliegen durch die Ausläufer der Kanadischen Rockies mit Null-Sicht und einem Apple-Gerät als Navigationshilfe! Am Abend lernen wir, daß wir wegen dem Wetter das komplette Smith Inlet entlang geflogen sind, aber wirklich beruhigend wirkt diese sehr späte Erklärung irgendwie auch nicht.

Kurz bevor wir das Ende des Smith Inlets erreichen reißt die Wolkendecke auf und wir können wenigstens grob erahnen wo wir sind.

Hey Bear!

Great Bear Lodge

Ästuar am Smith Inlet

Die Lodge besteht aus einer Ansammlung von bebauten Pontons und liegt am Ende des Smith Inlets ca. 50m vom Festland entfernt „vor Anker“. Ein langer Steg vor dem einstöckigen Gemeinschaftsgebäude mit den Gästezimmern dient als Liegeplatz für drei Safari Boote und die Wasserflugzeuge, die fast täglich hier eintreffen.
Die komplette Belegschaft der Lodge steht bei unserer Ankunft Spalier und sorgt für den reibungslosen Austausch von Gästen, Proviant und Material. Kaum angekommen, wird schon das Gepäck versorgt und wir müssen uns gleich zur „Bear safety orientation“ einfinden, wo man uns die Verhaltensregeln mit der Crew und den Bären ans Herz legt.
Kurz darauf geht es zur Anprobe unserer Safari Klamotten: einem Strampelanzug aus Neopren in modischen Waldtarnmuster und darüber eine Schicht Ölzeug in Oliv, inklusive einer Art Südwester mit breiter Krempe, damit das Regenwasser nicht in die Kleidung laufen kann. Dazu noch weite gefütterte Gummistiefel , fertig. Das Umziehen im Trockenraum war eine Qual, dafür waren die Klamotten draußen auf dem Wasser ein wahrer Segen.
Die Gedanken, wie oft diese Ausrüsten wohl gereinigt werden würde haben wir ebenso schnell verdrängt, wie sie gekommen waren.

Das Labyrinth des Ästuar.

Wir sitzen zu dritt/zu viert in den kleinen motorgetriebenen Aluminiumbooten, fahren durch die verschiedenen Wasserarme und der Regen prasselt unaufhörlich auf uns nieder.
Der Ästuar*
Der viele Regen und ein ordentlicher Tidenhub hat die verzweigte Flußlandschaft anschwellen lassen und wir sind erstaunt, wie weit wir die ganzen Wasserwege hinauf fahren können - im Vergleich zu den kommenden Ausflügen war das bereits das Maximum! Wir sind aufgeregt und schauen fleißig durch unsere Ferngläser, ob wir vielleicht eine Bewegung bemerken, die sich als Grizzly entpuppt. Da wir uns zum ersten Mal im Revier befinden, scouten wir fleißig alle Baumstümpfe, Wurzeln und einzelne Felsbrocken die sich beim besten Willen nicht zum Bären wandeln wollen. Müde, nass und verschwitzt kehren wir nach fast vier Stunden heim und trösten und damit, dass wir ja noch fünf Chancen vor uns haben.
*Ästuar: „der Flut ausgesetzten Flussmündung“ oder „Buch“ ist im Prinzip der gesamte Wasserkörper an der Mündung eines Flusses, der Übergang zwischen Brackwasser zu Süßwasser.

Der kanadische Jahrhundertsommer ist hiermit beendet, die Schleusen des Himmels sind nun geöffnet. Starkregen begleitet uns für die nächsten Tage.

Tag 1

8:00 Uhr
Um 7:00 geht’s aus den Federn, schließlich wollen wir um 8:00 wieder 4 Stunden auf Safari! Nach einem deftigen Frühstück sind wir auch gut gerüstet und zwängen uns in die Strampler und Ölzeug. Und natürlich regnet es. Es hat die Nacht über überhaupt nicht aufgehört zu regnen und der Tag beginnt, wie der letzte aufgehört hat.
Wir sehen ein paar junge Schwalben zusammengekauert auf einem Ast sitzen. Patschnass warten sie geduldig bis der Regen aufhört. So wie wir. Gegen Mittag lässt der Regen nach und die Wolken ziehen tief durch den Ästuar. Teilweise ist das Wasser komplett glatt und spiegelt die ganze Umgebung. Und für ein paar Minuten kommt sogar die Sonne durch und beleuchtet den Flussarm und die wilden, aufsteigenden Nebelfetzen.

Wir sind beeindruckt von der Schönheit dieses Teils der Welt und freuen uns, dass wir langsam abtrocknen.

Aber leider kehren wir erfolglos zurück, außer einem Kranich, einer Großfamilie an Gänsesägern sehen wir nicht viel.
13:00 Uhr
Nach dem Mittagessen um 1:00 fahren wir zur Überraschung aller, wieder hinaus in das Smith Inlet. Dieses Mal zum Sightseeing!

Und welch Überraschung - es schüttet mal wieder in Strömen.

Um die Ecke gibt es einen kleinen Wasserfall, denn wir vom Boot aus fotografieren können. „Pirate Cove“ wurde er von dem Team der Lodge getauft, hat nichts mit Piraten zu tun, klingt eben nur cool. Wir kreuzen das Inlet und fahren an paar Inseln vorbei, an Steinklippen über die Wasserfälle stürzen und lernen alles über die Entstehung des Inlets während der letzten Eiszeit. Am Ende einer Bucht fahren wir dann noch ein paar hundert Meter einen Fluss hinauf, der durch einen wirklich zauberhaften Märchenwald führt.
Aber es regnet immer noch und so langsam macht der nasse Ausflug immer weniger Spass. Unser Guide Craig gibt sich wirklich Mühe uns bei Laune zu halten, aber das Wetter geht uns allen allmählich wirklich auf die Nerven! Wir fahren zurück - gerade rechtzeitig um die nächsten Gäste begrüßen zu dürfen, die gerade mit dem Wasserflugzeug angekommen sind. Wir machen einen kurzen Schlummi, denn die Safety Orientation haben wir ja schon gestern bekommen.

Das Labyrinth an Wasserstraßen.

Wir gleiten mit unserem Boot durch das knietiefe Wasser –
immer auf der Suche nach den Bären.
18:00 Uhr
Um 17:00 Gibt es Abendessen und eine Stunde später holen wir wieder unser Equipment, um rauszufahren. Es regnet nicht mehr, aber der Himmel ist wolkenverhangen. Wir sehen ein paar Robben im Wasser und einen Weisskopfseeadler, der tief über das Boot hinweg zieht.
Es ist windstill und dieses Mal ist das Wasser ganz glatt, ein perfekter Spiegel. Am Ufer sehen wir, wie die Felsen durch das ruhige Wasser perfekt gespiegelt werden und ein abstraktes Gebilde beschreiben und wir verstehen sofort, wie die Ureinwohner dieses Kontinents für die Entwürfe der geometrischen Muster in ihren Kulturen inspiriert wurden.
Es wird dunkel, das Licht schlecht und wir haben wieder keinen Bären gesehen. Der Frustindex ist ein wenig am Klettern und spät am Abend gibt es ein paar Frust-Kekse mehr als nötig, als wir auf dem Steg noch ein paar Langzeitbelichtungen machen.

Tag 2

8:00 Uhr
Same Procedure as usual - gleicher Ablauf wie am Vortag, am Tag zuvor, etc. Frühstück, rein in den Strampler, nur das Ölzeug lassen wir heute weg, weil die Sonne scheint! Kein Witz - heute haben wir geiles Wetter. Super Licht, alles perfekt für jegliche Bärensichtung.

Konzentriert bearbeiten wir die Ufersäume mit den Feldstechern.

Heute haben wir allerdings extremes Niedrigwasser und bald kommen wir im Fluss nicht mehr weiter, weil wir nur noch eine Handbreit Wasser unter dem Kiel haben. Beherzt springt unser Guide hinaus ins Wasser und beginnt das Boot über die flache Stelle zu ziehen. Der Arme rackert sich einen ab, und wir haben das Gewühl, wir kommen wenn überhaupt, nur Zentimeterweise voran. Als wir wieder in tieferem Wasser sind, muss es nun schnell gehen: Fix springt unser Guide in das Boot, wirft den Außenboarder an und brausen los. Währe er zu langsam-, oder der Motor bockig gewesen, dann hätte das Prozedere wiederholt werden müssen. Aber unter Applaus geht es nun weiter.
Inzwischen kennen wir die Gegend, jeden Seitenarm. Wir wissen inszwischen, wann wir den Kopf einziehen müssen, um nicht an irgendwelchen Ästen hängen zu bleiben. Die Sonne tut gut und nicht nur wir genießen die warmen Strahlen. Überall sitzen Vögelchen und laden wieder ihre Akkus auf. Aber wieder kein Bär weit und breit! So langsam schwinden die Chancen und wir wissen nicht genau, wie wir mit der Enttäuschung umgehen sollen, als wir wieder in der Lodge ankommen.
13:00 Uhr
Nach dem Mittagessen machen wir einen Landausflug, dieses Mal mit unseren Guides Marcus & Craig. Einer vor und einer hinter der Gruppe. Und zur Sicherheit kündigen wir unsere Anwesenheit ab und zu mit einem „Hey Bear!“ Ruf an.
Fühlt sich ein wenig albern an, aber wenn das hilft sich im Bärenland ordentlich anzumelden, dann soll es eben so sein. Schließlich befinden wir uns sozusagen auf einem „Bären-Highway“. Ein viel genutzter Weg, den die Tiere auch Nachts blind erlaufen können.
Eigentlich hat es hier in der Gegend ein ganzes Netzwerk an „Bären Strassen“ - so sagt man uns. Glauben können wir es nur schwer, auch wenn wir überall die Spuren am Boden und an der Vegitation sehen können. Wir finden sog. „Rub-Trees“, also Bäume, an denen sich die Bären reiben, um sie zu markieren und den anderen Bären in der Umgebung ihre Präsenz zu kommunizieren. Ein „Bären-Telefon“ wie wir scherzen, trifft es wohl eher. Egal, bei so vielen Spuren muss doch ein Tier irgendwo zu sehen sein. Aber wir wissen natürlich nicht, wie viele Augen mal wieder auf uns gerichtet sind

HEY BEAR!

18:00 Uhr
Am Abend geht es noch mal für 4 Stunden raus und dieses Mal haben wir nicht ein einziges mal die Kamera ausgepackt. Und das will was heißen.

Über Zwanzig (20!) Stunden haben wir jetzt in diesem kleinen Aluminium Kahn verbracht und spüren kaum mehr unseren Hintern. Das Kreuz tut weh und wir wissen so langsam nicht mehr, wie wir sitzen sollen.

Tag 3

8:00 Uhr
Der letzte Tag auf der Lodge begrüßt uns mit sehr durchwachsenem Wetter. Entweder hängen die Wolken sehr tief, oder es regnet einfach leicht. Man weiß es nicht. Zumindest ist das Wetter wie die Stimmung. Einfach Bäh!
Der Nieselregen, der auf alles einen Wasserschleier legt nervt gewaltig und Anny beschließt, sich von nun an auszuklinken. Wie ein kleiner, nasser Zombie sitz sie im Boot und wartet nur darauf, dass endlich alles vorbei ist. Micha gibt nicht so schnell auf und klammert sich an den Feldstecher, denn die Hoffnung stirbt zuletzt. Wir fahren das ganze Inlet hoch, bis zum höchsten Punkt an dem der Fluss nicht mehr befahrbar ist. Da haben wir in den vergangenen Tagen schon Spuren gefunden. Die Tiere sind da, keine Frage. Aber bei dem Wetter würden wir den Wald auch nicht verlassen wollen.
Wir drehen um und sind gerade dabei zurück zu fahren, als unser Guide Marcus plötzlich einen Bären sieht, der hinter unserem Rücken den Fluß durchquert und auf der anderen Seite sofort im Gebüsch verschwindet. Anny ist den Tränen nahe, denn sie hat den Augenblick verpasst, aber die Szene war verdammt schnell vorüber. Außerdem auch schlecht zu orten, wenn man in Millisekunden den richtigen Baum beschreiben will.

Die Stimmung ist am Arsch - der einzige Grizzly den wir sehen, sehen wir nur halb und können nicht einmal ein Foto davon machen.

Aber Marcus beschließt langsam wieder Flußaufwärts zu fahren, an die Stelle, an der der Bär wieder an Land ging. Still und gespannt verharren wir, keiner traut sich irgend einen Mucks zu machen. Wir suchen das gegenüberliegende Flussufer nach einem großen, nassen „Hund“ ab und plötzlich - da! Der Grizzly kommt aus dem Dickicht heraus, kommt kurz zurück ans Wasser, sieht uns und beschließt noch ein wenig am Wasser entlang zu laufen.
Aus der nun geschossenen Bildserie könnte man nun eine kleine Animation machen - egal. Wir haben einen Bären gesehen und Anny hat ihn dieses Mal nicht verschlafen. HEY BEAR!
13:00 Uhr
Nachmittags geht es noch kurz du den Ansitzen der Lodge. Mit einem angemalten amerikanischen Kurz-Schulbus rumpeln wir 20 Minuten durch den Wald und erreichen eine komfortable Hütte mit einem prima Blick auf den Fluß.
Und wir spielen mit dem Gedanken, dass wir unbedingt mal zur Zeit der Lachswanderung hier her kommen müssen. Denn dann gibt es quasi eine Bärengarantie, wenn sich viele Bären im Wasser tummeln, um Fische zu fangen!
Als wir zur Lodge zurück kommen, steht unser Gepäck schon am Dock. Die Lodge ist eben ein Unternehmen und die Gäste eine Ware. Alles ist streng durchgetaktet - eigentlich typisch deutsch wie wir finden. Und schon kündigt das tiefe Grummeln im Himmel eine weitere De Havilland Canada DHC-2 an, die im Tiefflug zuerst an uns vorbeibraust, um draussen über dem Ästuar zur drehen.
Wir spüren die Routine der Crew, denn nach dem entladen, werden wir sogleich in den Flieger gepackt. Micha sitzt dieses Mal auf dem Sitz des Copiloten, Cornelia & Dieter fliegen ebenfalls mit uns zurück und Anny sitzt wieder auf der hintern Bank und kann zum Fotografieren zu beiden Fenstern rutschen. Sicherheits-Briefing gibt’s dieses Mal keines, Westen ziehen wir auch nicht an - schließlich sind wir mit einer anderen Fluggesellschaft unterwegs - heißt es lapidar! Wenigstens gibt es noch ein Paar Ohrenstöpsel, damit wir nicht mit einem Tinitus in Port Hardy ankommen.

Vancouver Island

Teil 2, Der Südwesten: Tofino
Impuls

48 Stunden im Regen. Freiwillig.

Nach einigem hin und her haben wir auch ein cleveres System für unsere Ausrüstung gefunden: Die Kameras & Objektive liegen auf einem Handtuch in einer Art überdimensionierten Tupper-Kiste, sicher verstaut unter dem Vordersitz im Boot. Und der Deckel schließt perfekt, egal wie stark es regnet.