Texel
Wir fahren an die Nordsee, auf die größte der westfriesischen Inseln. Volle Breitseite der Elemente, direkter Kontakt zur offenen See. Salz in der Luft, Sand in den Schuhen –
so muss das sein!
Texel, im Westfriesischen auch Tessel genannt, ist eine knapp 24 km lange und 10 km breite Insel und bildet den Abschluss an der westlichen Seite der Kette der Watteninseln der nordholländischen und friesischen Küste. Im Gegensatz zu den übrigen Inseln, deren Längsachse eher in Ost-West-Richtung zeigt, ist Texel nord-südlich orientiert, sodass die Westküste an der offenen Nordsee, die Ostküste am Wattenmeer liegt. Ebenso unterscheidet sich die Entstehung der Insel Texel von der der anderen Watteninseln. Sind Letztere das Produkt wandernder Dünen im Watt, so ist Texel ein verwittertes Überbleibsel aus eiszeitlichen Ablagerungen.
Anreise
Wir verpassen gerade um ein paar Minuten die Fähre, als wir am frühen Nachmittag Den Helder erreichen. Direkt hinter dem Schlagbaum sehen wir das Schiff den Anleger verlassen und so müssen wir uns eben in Geduld üben und die nächsten 60 Minuten mit einem Becher Kaffee und einem Brownie überbrücken.
Das Fährschiff Texelstroom der Reederei Teso nimmt uns als Nächstes in ihren geräumigen Bauch auf. Um diese Uhrzeit setzen nur wenige Fahrzeuge über und so bleibt das große Fahrzeugdeck ziemlich leer. Nach nur 20 Minuten gemütlichen Brummens des Schiffsdiesels erreichen wir den Fährhafen von 't Horntje an der östlichen Seite der Südspitze. 12 km später beziehen wir unsere Unterkunft in De Koog.
De Koog
Das touristische Zentrum der Insel
Das alte Dorf ist nur durch zwei Dünenketten von der Nordseeküste getrennt. Zahlreiche Hotels und Campingplätze lassen erahnen, dass sich hier das Zentrum des Tourismus auf der Insel befindet. Die Fußgängerzone im Zentrum hat sich quasi zu einer kulinarischen Meile mit zahlreichen Restaurants und Delikatessläden entwickelt.
An den Süden der Stadt grenzt ein großes Naturschutzgebiet, das einmal Teile der Dünenlandschaft umfasst und mehr zur Inselmitte hin die größte bewaldete Zone der Insel einschließt.
Es braut sich etwas zusammen: über dem Nationaal Park Duinen van Texel zieht in Minuten ein Unwetter auf. Augenblicke später sind wir auch schon patschnass.
Natur Pur
Der Nationalpark Dünen von Texel liegt südlich von De Koog und erst einmal führen uns sanfte Waldwege durch einen Pinienwald, direkt hinter der Dünenkette. Langsam kämpft sich die Sonne durch die Wolkendecke und die ersten Sonnenstrahlen beleuchten den mit Nadeln bedeckten Waldboden. Als der Wald abrupt aufhört, geht die Landschaft direkt in das Bleekersvallei über – ein Naturgebiet aus Heideland und Dünen. Die Namensgebung ist eine Ableitung zweier Bleichmühlen im 18. Jahrhundert, die das auf Texel gesponnene Leinen in den Dünen verarbeitet haben.
Wir machen uns auf den Weg durch die fantastische Dünenlandschaft, kehren an der Wasserkante im Strandpavillon Paal 19 ein und genießen die Sonne mit traditionellen ‘Bordje friet met kibbeling und Remoulade’ und einem sehr charaktervollen dunklen Weißbier: Skuumkoppe (Alkohol 6,0%) von der Texel Bierbrauerei. Wir lernen, das Bier verdankt seinen Namen den weißen Spitzen auf den Wellen der rauen See. Wellen, die die Insel Texel umspülen: Tag für Tag.
Auf dem Rückweg erkunden wir noch ein wenig das Landschaftsschutzgebiet im Süden, bevor wir uns auf den Rückweg machen und durch den sonnigen Eichenhain Californiëbos streifen. Wir steigen kurz mit der Drohne auf und können sehen, wie sich am Himmel hinter uns ein Unwetter zusammenbraut. Kaum sind wir gelandet, werden wir von einem derart kräftigen Regenschauer überrascht, der uns bis auf die Socken einweicht. Die Technik ist sicher – wir ziehen heimwärts und legen uns erst einmal trocken.
Am frühen Abend zieht es und noch einmal hinaus, um das spektakuläre Lichtspiel zwischen Strand und Himmel zu beobachten. Als die Dunkelheit fällt, verlassen wir den Wandelpad Zeereep und kehren beim Dikke Zeehond Beach Pavillion Paal 20 zum Abendessen ein.
Abendstimmung:
Die tiefstehende Sonne füllt den aufgewühlten Himmel mit spektakulärem Licht und lässt die Halme des Strandhafers im Sturmwind leuchten. Mehr Nordsee auf den Punkt geht eigentlich nicht.
Oudeschild
Wir fahren heute mit dem Krabbenkutter! Der Fang der kleinen Krustentiere ist ja über die Jahre stark rückläufig und so nehmen einige findige Unternehmen zwischendurch am Tage einfach Touristen mit, um die Firmenbilanz aufzubessern. Und so gehen wir nicht an Bord eines Museumsschiffs, sondern einem funktionstüchtigen Kutter, der seine Runden in der flachen Nordsee zieht.
Wir verlassen den Hafen nach Osten und beobachten die Mannschaft, wie sie die zwei großen Grundschleppnetze auf jeder Seite klarmachen. Der Steert am Ende des sackförmigen Netzes wird mit einer Reihe professioneller Knoten verschlossen und beide Netze werden über die Ausleger (Baumkurren) zu Wasser gelassen, wo Scherbretter in Kombination mit Gewichten und Schwimmkörpern die Netze mit Hilfe des anströmenden Wassers öffnen.
Die Maschenweite der Netze ist jeweils auf die zu fangende Fischart abgestimmt. Die Maschen sind jedoch an der Öffnung immer größer als am Ende des Netzes. Während die ‘Walross’ vor der Küste ihre Runden zieht, wird der Kochkessel an Bord langsam angefeuert, damit die Garnelen schon an Bord abgekocht werden können. Das geschieht direkt im Seewasser, was den Tieren ihr spezielles Aroma verleiht.
Als die Netze eingeholt werden, hängen diese nun vertikal an den Auslegern, bevor am unteren Ende der Steert geöffnet wird. Der gesamte Fang gleitet jetzt in eine Sortiermaschine, die viel Ähnlichkeit mit einer Waschmaschinentrommel aufweist. Obwohl der Inhalt der Netze fast sortenrein in die bereitgestellten Körbe purzelt, ist noch viel Handarbeit nötig, um den ganzen Beifang zu sortieren. Wir sehen Seezungen, Schollen, Flundern und Plattfische, Makrelen, Knurrhähne, viele Seesterne und Quallen und noch mehr Seetang. Geschätzte 90 % entsprechen nicht den Vorgaben und müssen wieder zurück in die See und verlassen den Kutter über eine Art Gulli im Deck.
Auf dem Rückweg zum Hafen können wir die frisch gekochten Nordsee-Garnelen von ihrem Panzer befreien – was im Allgemeinen unter ‘Krabben pulen’ bekannt ist. Um ein Brötchen damit belegen zu können, benötigt man schon gute 3 bis 4 Löffel davon. Ungeübte Finger benötigen dafür aber Stunden und so wird mit dem gesetzlichen Stundenlohn diese Delikatesse nahezu unbezahlbar. Also reisen die Nordsee-Garnelen in Zeiten der Globalisierung jetzt mit dem Kühltransporter einen Tag nach Marokko, werden dort von flinken Frauenhänden geputzt und fahren am dritten Tag wieder zurück – erklärt man uns.
Vuurtoren Texel Leuchtturm
Ende des Zweiten Weltkriegs wurde dem Turm einfach eine zweite Hülle übergestülpt – die Schäden sind bis heute zu sehen, denn beim Besuch des Turms kann man sich zwischen den Wänden bewegen.
Der Norden
Die ganze Nacht hat es geregnet und die Wettervorhersage ist auch nicht wirklich besser. Also packen wir uns so gut es geht regendicht ein und machen uns auf den Weg, die Nordspitze zu erkunden. Der Himmel empfängt uns mit dramatischen Wolkenformationen und präsentiert den Leuchtturm im schönsten Licht.
Eigentlich trägt der Turm den kuriosen Namen ‘Eierland’ – eine ehemals selbständige Insel, die im Zuge der Landgewinnung vor 200 Jahren einfach der Hauptinsel einverleibt wurde. So wurde dann auch das Seezeichen für die Schifffahrt benötigt, das als einziger Leuchtturm der Niederlande zu drei Seiten auf das Meer hinausschaut.
Eigentlich wollen wir hinter den Dünen das Landschaftsschutzgebiet Eierland Richtung Süden erkunden, aber das Wetter wird grau und dunkel und es fängt an zu schütten. Nicht nur ein leichter Regen, es macht einfach richtig runter. Planänderung: Wir drehen um und versuchen, so schnell wie möglich das Trockene zu erreichen. Im Strandpavillon Faro herrscht jetzt natürlich Hochbetrieb, aber wir können noch einen der letzten Plätze ergattern und wärmen uns bei einer Schale Suppe auf.
Als der Regen nachlässt, versuchen wir noch einmal unser Glück. Wir wollen eigentlich nur kurz zur Nordspitze der Insel, aber das Wetter macht heute einfach nicht mit. Wir geben auf und treten die Heimreise an.
Insel in der Entstehung: Schicht für Schicht wie ein Baumkuchen. Das Wasser wird langsam verdrängt, mit Sand ersetzt, auf dem irgendwann die Vegetation die Herrschaft übernimmt.
Den Hoorn
Heute sieht das Wetter ganz gut aus: langsam öffnet sich die graue Wolkendecke und hier und da kommt die Sonne zum Vorschein. Wir entscheiden uns für die Südspitze der Insel und starten im Naturschutzgebiet De Hors.
Hier kann man die Entstehung einer einzigartigen Landschaft beobachten. Es beginnt mit dem Meer, das unermüdlich Sand an die Südspitze der Insel bringt. Der Wind formt kleine Unregelmäßigkeiten, aus denen langsam Dünen entstehen, die eine Basis für salz- und windresistente Pflanzen darstellen. Zuerst Biestargras und später Marramgras. Auf diese Weise bleibt mehr Sand haften und es können sich Dünenreihen bilden. Je weiter man vom Wasser entfernt ist, desto dichter wird der Bewuchs, der dann irgendwann in eine üppige Heidelandschaft übergeht.
Es ist ein wunderschöner Ort, um Vögel zu beobachten und die Landschaft zu genießen. De Hors ist ein wichtiges Nistgebiet für Vögel wie die Seeschwalbe, die Lachmöwe und den Säbelschnäbler. Der Himmel macht immer mehr auf und wir genießen die warmen Sonnenstrahlen an diesem Tag und beobachten am Aussichtspunkt Horsmeertjes die heimischen Vogelarten.
Nach kurzer Zeit erreichen wir Strandslag Paal 9, machen es uns in der Sonne gemütlich und genießen die Wärme des Tages. Von hier aus lassen sich auch die ganzen Kite Surfer beobachten, die mit ihren bunten Geräten über die grauen Wellenkämme der aufgewühlten See tanzen.
De Slufter
Heute treibt der Wind die grauen Wolken über den Himmel. Kräftige Windböen zerren an unseren Klamotten, als wir durch das Naturschutzgebiet De Muy nach Norden ziehen. Das Gebiet besteht aus Dünen, einer langgestreckten Ebene, Wiesen und einem kleinen Wald.
Der Slufter steht in offener Verbindung mit dem Meer. Vom Aussichtspunkt am Eingang aus hat man einen schönen Blick über die Salzwiesen. Ursprünglich sollte das Gebiet vom Meer abgeschottet werden. Zu diesem Zweck wurde 1855 der "Lange Damm" errichtet. Während einer heftigen Sturmflut brach der Lange Damm 1858 an drei Stellen durch und De Muy, De Grote Slufter und De Kleine Slufter waren geboren, drei tiefe Kanäle, durch die Meerwasser einfließen konnte.
De Grote Slufter und De Muy konnten endgültig geschlossen werden, was aber bei der größten Lücke nicht gelang. Und so wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts beschlossen, dieses Loch in den Dünen offen zu lassen. Während eines starken Nordweststurms und einer Springflut, vor allem im Winter, kann es passieren, dass die Salzwiesen vollständig gefüllt werden.
Es gibt nur wenige Momente, an denen es die Sonne heute schafft, durch die Wolkendecke zu brechen. Aber wenn es passiert, dann wird das Naturschutzgebiet spektakulär beleuchtet. Der starke Wind jedoch treibt die schweren Regenwolken vor sich her und als es mal wieder zu nass wird, verziehen wir uns in das kleine Café-Restaurant De Slufter hinter dem Deich.
Der Regen hat tatsächlich aufgehört, dafür hat der Wind aufgefrischt und zerrt teilweise so stark an uns, dass ein Vorankommen zu einer mühsamen Angelegenheit wird. Die Sturmböen transportieren inzwischen auch Allerlei Fracht mit sich, vor allem die Menge Flugsand macht das ganze jetzt ziemlich unangenehm. Ein klassisches Nordsee-Peeling für Körper und Seele! In den nächsten Tagen werden wir noch einiges an Sand in ein so paar Ecken entdecken.
Obwohl es nicht so ganz einfach ist, sich bei diesem Wind zu bewegen, machen wir uns auf den Weg zum Strand. Dort sind nur ein paar unerschütterliche Fotografen unterwegs, die, wie wir, die Kamera unter der Jacke schützen und nur für den Moment der Aufnahme herausholen. Die Ergebnisse sprechen für sich, auch wenn wir heute Abend damit beschäftigt sind, unser Equipment zu reinigen.
Windstärke 8-9
Der erste Herbststurm des Jahres sei deutlich zu früh in diesem Jahr – so sagt man uns. Der Sand peitscht über den Strand un man kann sich nur schwer auf den Beinen halten.
Oosterend
Der Wind hat nachgelassen, aber heute bleibt der Himmel grau und es regnet immer mal wieder. Die Wetterapp meint jedoch, dass es über Mittag besser werden würde und so entscheiden wir uns, die schönste Ortschaft der Insel zu erkunden. Kaum haben wir den Osten der Insel erreicht, fängt es an zu nieseln. Nicht weiter schlimm, wir haben ja Regenzeug. Nur sehr einladend, um sich in einem der hübschen Cafes niederzulassen, ist das Wetter ja nicht.
So machen wir uns auf in Richtung Deich, hinter dem das Wattenmeer bis zum Horizont ruhig und glatt liegt. Horizont und Wasser gehen im gleichen Farbton ineinander über, es ist windstill und es liegt kein Lärm in der Luft, außer dem gelegentlichen Schrei einer Möwe.
Als wir das Wasserwerk Krassekeet erreichen, fängt es an zu schütten. Zu der Windmühle "Het Noorden" kommen wir gar nicht mehr – ist bei dem Wetter auch nicht wirklich ein schönes Motiv. Wir drehen um und kämpfen uns durch den Regen, der einfach nicht weniger werden will. Klatschnass und durchgeweicht fragen wir uns, wie wir die ganzen Klamotten wieder in den Koffer bekommen sollen, wenn wir morgen nach Hause fahren …
Das Licht am Abend zieht uns noch einmal hinaus: wir sind beschäftigt mit den zahlreichen Motiven, die sich alle paar Minuten ändern und nehmen so noch ein paar schöne Erinnerungen mit bevor wir im Dikken Zeehond den Abend mit einem Texel Zeebries Blond, einem Bier mit einer typischen Texeler Note und einem Hauch von Meerfenchel, ausklingen lassen.